Der Interpersonal ELIZA EffectSeit längerem arbeite ich an einer Frage, die mir in Gesprächen immer wieder begegnet ist: Wie kann es sein, dass sich jemand in einer Beziehung über Jahre tief verstanden fühlt und erst nach dem Ende merkt, dass der andere ihn nie wirklich erfasst hatte? Im März 2025 habe ich einen Zwischenstand dieser Arbeit auf YouTube vorgestellt, in einem Video über den Eliza-Effekt. In den Kommentaren darunter haben viele von genau dieser Erfahrung berichtet.
Den Abschluss dieser Arbeit bildet jetzt ein wissenschaftlicher Fachartikel. Er ist am 21. Oktober 2026 in der Zeitschrift Frontiers in Psychology erschienen, begutachtet und frei zugänglich.
Der Name:
Interpersonal ELIZA Effect. ELIZA war ein Computerprogramm aus dem Jahr 1966. Es gab den Menschen ihre eigenen Worte als Fragen zurück, legte sich nie auf etwas fest und wurde trotzdem für verständnisvoll gehalten. Der Artikel überträgt diese Beobachtung auf Beziehungen zwischen Menschen und fragt: Unter welcher Bedingung bleibt das Gefühl, verstanden zu werden, über lange Zeit bestehen, ohne je auf die Probe gestellt zu werden?
Die Antwort liegt nicht allein bei dem Menschen, der sich verstanden fühlt. Sie liegt im Verhalten des Gegenübers, und zwar auf zwei Wegen. Der erste: Der Partner legt so gut wie nie etwas Konkretes über den anderen fest, das auch falsch sein könnte, obwohl er über andere Menschen durchaus so bestimmt spricht. Dem anderen gegenüber fragt er, spiegelt, stimmt zu, bleibt aber unbestimmt. Der zweite: Er legt sich fest, nimmt eine Korrektur aber nicht auf. Man sagt ihm, dass er einen falsch gesehen hat, und beim nächsten Mal gilt wieder das Alte. In beiden Fällen gibt es im Gespräch nichts, woran das Gefühl des Verstandenwerdens scheitern könnte.
Wichtig ist, was der Artikel nicht tut. Er fragt nicht nach Absichten. Ob der Partner so handelt, weil er nicht anders kann, weil er es nicht bemerkt oder weil er es will, bleibt offen. Beschrieben wird nur, was zwischen zwei Menschen beobachtbar ist. Das macht die Sache prüfbar: Aus aufgezeichneten Gesprächen lässt sich kodieren, ob die Bedingung erfüllt ist. Der Artikel stellt dazu fünf Vorhersagen auf, die sich in Studien bestätigen oder widerlegen lassen, und liefert ein Kodiermanual und einen Itempool für solche Studien mit. Es ist ein Theorie-Artikel: Er stellt den Mechanismus auf, er beweist ihn nicht. Ein eigener Abschnitt wendet das Kriterium auf Gespräche mit KI-Systemen an, Companion-Chatbots eingeschlossen. Ob der Mechanismus dort genauso abläuft, lässt der Artikel offen.
Was heißt das für Betroffene? Der Artikel liefert keinen Test und keine Diagnose, und er empfiehlt nicht, das eigene Gegenüber auf die Probe zu stellen. Was er benennt, sind zwei Fragen, die man sich im Rückblick stellen kann: Hat das Gegenüber je etwas Bestimmtes über mich gesagt, das auch hätte falsch sein können, oder blieb es bei Fragen, Spiegeln und Zustimmung? Und wenn ich einmal deutlich gesagt habe, dass es mich falsch gesehen hat: Galt das Wochen später noch, oder war wieder alles beim Alten?
Zum Artikel (Englisch, frei zugänglich) Zum Video von 2025, dem Zwischenstand dieser Arbeit
Riehm, A. (2026). The Interpersonal ELIZA Effect: a dyadic account of persistent over-attribution of understanding. Frontiers in Psychology, 17:1869060. doi: 10.3389/fpsyg.2026.1869060